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Wie die deutsche Pandemie-Politik kapituliert.

Das Virus durchseucht Deutschland. Immer mehr Menschen leiden unter Covid-19 schon zum wiederholten Mal. Die Schatteninzidenz liegt wohl bei 1500 Infektionen am Tag. Und das mit ungewissen Aussichten für die Zukunft. Wochen nach der Erkrankung: Schlappheit, Ungewissheit. 

 

Zuletzt hat das britische Statistikamt eine Analyse herausgegeben, nach der vier Prozent der dreimal geimpften Corona-Kranken auch nach 12 bis 16 Wochen nicht gesund sind. Nach einer Auswertung des Teams der Datenspende-App des Robert Koch-Instituts (RKI) sind bei den in der Regel sportlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Langzeituntersuchung Pulsfrequenz und Schlaf auch drei Monate nach ihrer Erkrankung nicht auf Vorerkrankungsniveau. Sehr viel mehr weiß die Wissenschaft aber bis heute nicht, was Corona langfristig mit uns Menschen macht – es ist viel Stochern im Nebel. Da mögen sich die von der Politik berufenen Mitglieder der „Expertenkommission zur Evaluation der Corona-Schutzmaßnahmen“ gesagt haben: Auch egal, dann können wir auch noch unseren Senf dazu geben. Zuvor hatte Christian Drosten und damit einer der weltweit führenden Coronavirus-Experten Reißaus genommen und den Corona-Expertenrat verlassen. Er wolle und müsse sich wieder seiner Grundlagenforschung widmen, so Drosten. An seiner Stelle nominierte die CDU mit Klaus Stöhr einen Virologen, der bei den erfahrensten Wissenschaftlern zum Thema aus Deutschland vor allem eines auslöst: Kopfschütteln. Folgt man dem Stöhrschen Twitter-Kanal erfährt man vor allem, wie der Mann Kritik an seinen Thesen öffentlich macht, um sie selbstredend abzukanzeln. Mit Drostens Abschied hat die Politik die Pandemie vollends für sich gekapert. Und das Schauspiel in dieser Phase der Pandemie zeigt anschaulich, woran es bei ihrer Bekämpfung in diesem Land hakt: Es geht um Wählerstimmen, nicht um Wissenschaft. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck sekundiert: Ob nun die 2G- oder 3G-Zugangsregelungen etwas gebracht hätten, „können wir nichts sagen“. Sie ahnen es: Die Daten fehlen. Immerhin: Streeck glaubt, dass Zugangskontrollen für Veranstaltungen im aerosolsatten Innenraum „nur mit tagesaktuellem Test“ gut wären. Und: Masken seien „ein wirksames Instrument“.

Dabei ist unstrittig, was zu tun ist: Es hilft der Blick nach Großbritannien.

Dort gehört ein flächendeckendes Abwasser-Screening auf Corona- und andere Viren zum Standard. Das soll es immerhin bald auch in Deutschland geben. Die „London School of Hygiene and Tropical Medicine“ hat über die vergangenen bald zweieinhalb Jahre jene Analysen geliefert, auf die auch die seriösen Pandemie-Wissenschaftler in Deutschland zurückgegriffen haben, um evidenzbasierte Aussagen zu treffen. Stichproben zum Beispiel, um das Infektionsgeschehen besser bewerten zu können: Also wie viele Menschen tatsächlich erkrankt sind und mit welchen Konsequenzen. Das fordert dann auch im Evaluierungsbericht Jutta Allmendinger, die Soziologin der Runde und WZB-Präsidentin. Drosten, Brockmann, die Liste lässt sich noch verlängern – die klügsten Köpfe in Sachen Pandemie-Forschung – stehen aus Sicht der Politik in diesem Land in diesem Corona-Sommer am Spielfeldrand. Und so geht Deutschland nach der aktuellen in die Corona-Herbstwelle, mit kaum absehbaren Folgen für viele Menschen, die erkranken und wohl noch sehr lange mit den Nachwirkungen zu tun haben werden.

 

In diesem Sommer war bisher „jeder zweite“ Einsatz pandemiebedingt. Die Rettung in Deutschland arbeitet am Limit. Ob sie bei Herzinfarkt oder Unfall rechtzeitig kommt – sicher ist das nicht mehr in Deutschland. Es wäre vielleicht besser, wenn in Deutschland das Rettungswesen den Flughäfen übertragen werde. Bei denen habe die Politik immerhin schnell reagiert und ein Programm zur Anwerbung von 2000 türkischen Airport-Mitarbeitern aufs Gleis gesetzt. Es ist für einige in der Politik einfach zu heikel, wenn die Deutschen Probleme auf ihrem Weg in den Sommerurlaub bekommen. So viel Freiheit muss sein.

 

Frank Hofmann ist Journalist und Historiker mit den Schwerpunkten Europa, USA, Menschenrechte und internationale Beziehungen. Er hat als Korrespondent in Brüssel, Paris, Kiew und auf dem Balkan gearbeitet.

 

                                                      gekürzt eingestellt von HAM am 26.07.22

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