Weltklimarat: Sachstand, der sechste...

Nominiert werden die Wissenschaftler von den Staaten der UNO, aus Deutschland war am aktuellen Sachstandsbericht zum Beispiel die Atmosphärenforscherin Astrid Kiendler-Scharr vom Forschungszentrum Jülich beteiligt. Sie erklärt im Interview:

"Derzeit liegt die globale Durchschnittstemperatur knapp 1,1 Grad höher im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. In Deutschland sind es 1,6 Grad, weil die Erwärmung über Land schneller voranschreitet. Die Szenarien zeigen: Wenn wir unverändert so weitermachen wie bisher, befinden wir uns auf dem Weg zu einer globalen Erwärmung von weit über drei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts."

Alarm! 23,4 Grad – neuer Temperaturrekord in Nordostgrönland

Urlaubsimpressionen

Bild: Bob Strong / REUTERS

 

Dieser neue Temperaturrekord wurde gerade in Nordost-Grönland gemessen, in einem Gebiet, wo der Grönländische Eisschild 1.500 bis 2.500 Meter hoch ist. Hier, wo das Thermometer eigentlich fast nie über null Grad Celsius klettert. Laut einer zum Jahresanfang publizierten Studie wird der Meeresspiegel bis zum Jahrhundertende bis zu 18 Zentimeter ansteigen, wenn der Grönländische Eisschild weiter so schnell schmilzt wie derzeit – 60 Prozent schneller als bislang von der Wissenschaft befürchtet.

 

18 Zentimeter? Bei nicht Eingeweihten verursacht das vermutlich Schulterzucken. Das Fatale an dem Vorgang: Das Eis schmilzt aus der Höhe nach unten. Oben ist es nämlich kühler als im Tal. Das bedeutet aber andererseits: Der Grönländische Eisschild schmilzt nach unten ab in immer wärmere Schichten, ein sogenanntes Kippelement im Klimasystem. Das bedeutet: Einmal angeschoben, kann das Schmelzen nie wieder aufgehalten werden (Es sei denn, eine neue Eiszeit würde Hamburg, Magdeburg und Berlin mit einem kilometerdicken Eispanzer niederwalzen, was jetzt auch keine so begehrenswerte Aussicht ist). Schmilzt das Grönland-Eis vollständig, steigt der weltweite Meeresspiegel um bis sieben Meter (keine Chance für Emden, Bremen, Rostock und Lübeck sich dagegen zu schützen!).

 

"Jüngste Studien schätzen, dass die jährliche Eisschmelze allein auf Grönland im Jahr 2019 rund 550 Kubikkilometer betrug", erklärt Boris Koch, chemischer Ozeanograph am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Koch zeigt mit einem anschaulichen Vergleich, wie gigantisch diese Menge verlorenen Eises ist: "Wenn sie von Hamburg nach Stuttgart fahren – Luftlinie rund 550 Kilometer – und sich einen Eisblock vorstellen, der auf dieser Strecke 100 Meter breit ist - so lang wie ein Fußballfeld - dann wäre dieser Block zehn Kilometer hoch." So hoch, wie Flugzeuge fliegen.

 

Koch hat als einer von wenigen Experten einen exklusiven Einblick in das große Schmelzen. 2016 reiste er mit dem Expeditionsschiff Maria S. Merian an die Ostküste Grönlands. Um das Tauen zu bemerken, waren keine sensiblen Messgeräte, keine aufwändigen Experimente notwendig. "Wir konnten die Gletscherschmelze sehen, hören, ja sogar riechen", sagt Koch. Über die Fjordwände seien Flüsse voller Schmelzwasser ins Tal gerauscht, die tauenden Eisberge knackten, und an manchen Stellen im Fjord war der typische Meeresgeruch verschwunden. Schmelzwasser ist Süßwasser.

 

Der Prozess des Abschmelzens könnte jetzt eskalieren, schreiben Forscher in der Fachzeitschrift PNAS. Die Forschenden sprechen von "beunruhigenden Frühwarnsignalen". Sie hätten aber auch die Temperatur in Nordostgrönland anführen können. 23,4 Grad Celsius: wärmer als derzeit in vielen Teilen Deutschlands.

Text Nick Reimer

gekürzt eingestellt von HAM 08/2021

Druckversion Druckversion | Sitemap
© HAM

Diese Homepage wurde mit 1&1 IONOS MyWebsite erstellt.